Science-Fiction Filme) Sehr geehrter Herr Weisse. Zunächst einmal möchte ich mich bedanken, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Viele Ihrer Filme, wie DIE UNENDLICHE GESCHICHTE 2 & 3, SPEED RACER oder GRAND BUDAPEST HOTEL sind von einer fabelhaften visuellen Präsenz geprägt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie dies schon häufiger gefragt wurden, aber könnten Sie dennoch uns erläutern, wie Ihr Werdegang innerhalb der Filmwelt war? Wollten Sie stets in diesen Beruf arbeiten?

 

Simon Weisse) Ich bin In Frankreich aufgewachsen und habe dort in Kunst in Montpellier studiert, Fachbereich Fotografie, wusste aber danach nicht so genau was ich damit anfangen soll. Mein Vater war Standfotograf beim Film und hat durch seine Beziehungen zur Filmwelt mir die Möglichkeiten gegeben „bessere“ Praktikumjobs zu finden und ich habe anfänglich bei kleineren Produktion bei der Requisite gejobbt.

 

Vor 30 Jahren gab es dann die außergewöhnliche Möglichkeit bei einer größeren Produktion mitzuwirken, nämlich Die Abenteuer von Baron Münchhausen von Terry Gilliam. Da ich Englischkentnisse hatte hat man mich in das SFX Department von Richard Conway zugeordnet und habe fast ein Jahr im Studio Cinecitta in Rom dafür gearbeitet, das war eine aufregende Zeit, sehr neu für mich. Es sind diese SFX Engländer die mir damals geraten haben ich sollte in dem Bereich weitermachen, zu der Zeit haben die Spezialeffekte viel einbehalten, wie Explosionen, Waffen, Spezialrequisiten und sogar Modellbau für Miniatur-Sets. Alles in Allem habe ich über Jahre bei anderen Produktion in Frankreich, England und Deutschland so weitergemacht und es war pures „learning by doing“

 

SFF) Sie haben an zahlreichen Filmen als Modellbauer der Miniaturen gearbeitet. Wir können da eine ganze Reihe aufzählen wie DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (1995) oder EVENT HORIZON (1997). Was fasziniert Sie am Modellbau? Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen hierbei?

 

S.W.) Ich war immer davon fasziniert dass man mit Miniaturen so eindrucksvolle Filmbilder kreieren konnte, es musste nicht immer echt aussehen, sondern hat geholfen ein bestimmtes Szenenbild zu erschaffen, in Zusammenhang mit dem Realdreh und Full-Size Sets. Aber ich war nie der Modellbauer der in seinem Keller saß und an der Modelleisenbahn hockte, nein für mich war das immer eine spezifische Tätigkeit für visuelle Effekte.

 

Es kam halt dann aber die Zeit wo CGI immer mehr Wichtigkeit einnahm und das war auch faszinierend, deswegen hatte ich mich dann immer mehr um Requisitenbau gekümmert da Miniaturen für VFX nicht mehr so gefragt waren. Im Moment aber gibt es so eine kleine Rückkehr dieser Techniken in Zusammenarbeit mit den heutigen Computereffekten, die Arbeit ist anders geworden.

 

 

SFF) Ich denke, Ihre Profession steht in der Tradition alter und neuer Effekte (obgleich „neu“ hier auch schon ein zeitlich dehnbarer Begriff ist). Hatten oder haben Sie eigentlich Vorbilder im Bereich der Effekte, bzw. des Modellbaus wie z.B. Gregory Jein?

 

S.W.) Wie gesagt Richard Conway war mehr oder weniger mein Mentor, er hatte schon so viel mit Miniaturen gearbeitet, u.A.  „Brazil“ und ist einfach ein kreativer Visionär für solche Filmaufnahmen, selbst wenn er sich immer bescheiden gehalten hat. Ich hatte ja dann auch die Möglichkeit mit Derek Meddings zusammen zu arbeiten, er war auch hervorragend, selbst wenn ein wenig „old fashioned“. Als ich später bei „Event Horizon“ in den Pinewood Studios gearbeitet hatte, waren wir eine ziemlich junge Crew und hatten eine andere Angehensweise in der Arbeit, vor allem technisch.

 

SFF.) Viele Regisseure haben Ihr “Stammpersonal” denen Sie blind vertrauen in mannigfaltigen Bereichen, wie die Combo Spielberg/ Williams oder Scorsese/ Richardson. Dasselbe scheint bei Ihnen und Wes Anderson der Fall zu sein, wie zuletzt bei THE FRENCH DISPATCH. Ein Regisseur, dessen Bildsprache irgendwo zwischen Art-Deco und Surrealismus platziert ist. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit denn entwickelt und was kann man an ihrer Kollaboration besonders hervorheben?

 

S.W.) Ja da habe ich viel Glück, die Zusammenarbeit mit Wes und seinem Produzenten Jeremy Dawson funktioniert hervorragend seit The Grand Budapest Hotel. Es ist aber auch so dass ich inzwischen über eine Crew verfüge wo sich jeder mit seiner spezifischen Begabung in dieser eigenen Welt dieses Regisseurs involvieren kann.

 

Es geht ja nicht nur um einfachen Modellbau, aber auch um Umsetzung kreativer Ideen mit Beachtung der Materialen, Maßstäbe, Patina etc. und einen Sinn für diesen Stil. Darüber bin ich sehr froh, es ist so eine Art von Symbiose die ich mit meinen zum größten Teil selbständigen Mitarbeitern habe.

 

SFF) Wenn man als Team arbeitet kann es häufig zu Differenzen kommen. Sehen Sie denn die Zusammenarbeit mit vielen kreativen Köpfen als Belastung oder als Chance?

 

S.W.) Ich würde es nicht als Belastung sehen, sondern als Verantwortung. Kreativität ist gut, nur kommen viele andere Faktoren dazu mit denen man umgehen muss, vor Allem Zeit und Geld. Bei manchen größeren Produktionen verbringe ich oft mehr Zeit mit Budget und Diskussionen mit Produktion als eigentlich an kreativen Ideen zu arbeiten, nicht immer ganz einfach.

 

SFF) In der TV-Produktion THE MALL – FLUTKATASTROPHE IM SHOPPING CENTER war Frank Schlegel der Leiter der visuellen Effekte. Sie waren der Leiter der Modellabteilung. Es gibt in diesen Film eine Szene, bei dem ein Staudammbruch sehr viel Schaden anrichtet. Wie haben Sie diese Szenerie geplant? Wie lange dauerte der Aufbau und blutete Ihnen nicht das Herz als alles in den Fluten versank?

 

S.W.) Das ist lustig, daß Sie sich ausgerechnet dieses Beispiel ausgesucht haben! Bei „The Mall“ haben wir mehrere Miniatur-Sets gebaut – ein Einkaufszentrum, eine überflutete Landschaft u.a. – aber ich bin ausgerechnet für diesen Staudamm nicht verantwortlich! Da hat die Produktion Aufnahmen von einem älteren Film aus den 70ern oder so verwendet, ich fand das das grauenvoll aussah, vor allem gab es ein Maßstabsproblem zwischen Wasser und Betonbrocken. Mehrere Leute hatten mir damals gesagt, die Miniatursets sehen ja gut aus aber dieser Staudamm sei ein wenig peinlich. Ich musste mich da immer rausreden, gar nicht so einfach.

 

Was die zweite Frage anbetrifft, für mich ist das eigentliche Modell unwichtig, wenn es für filmische Zwecke zerstört werden soll so bin ich froh wenn es gut klappt. Das was Zählt ist das gut aussehende Ergebnis auf Film und Leinwand, dafür wurde es hergestellt.

 

SFF.) Sie sind ein Wanderer zwischen der “neuen” und der “alten” Welt. Gibt es bei der Arbeitsmoral bzw. generell zur Arbeitsweise der Teams dieser beiden Kontinente Unterschiede? Wenn ja, welche?

 

S.W.) Es gibt seit ein paar Jahren diesen Hype mit den 3D-Druckern, die ich auch hin und wieder benutze, ein hervorragendes Werkzeug, was man im richtigen Moment am richtigen Ort einsetzen sollte. Manche haben aber die Vorstellung daß man inzwischen Alles damit machen kann, aber es sind auch damit manche lange Arbeitsprozesse verbunden die man mit einrechnen muss.

Aber wie gesagt in meiner Crew laufen solche Sachen gut ab und respektieren uns gegenseitig in der persönlichen Arbeitsweise und es gibt eigentlich selten Konflikte deswegen, eher einfache Missverständnisse.

 

SFF) Ist es eigentlich schwer sich durchzusetzen in dieser Branche?

 

S.W.) Auf alle Fälle. Versuchen sie mal einem Produzenten zu erklären warum man aus künstlerischen Gründen und auf Wunsch des Regisseurs und/oder Szenenbildner ein physisches Modell herstellen will anstatt das einfach digital machen zu lassen …

Alles in Allem laufen die meisten Jobs über Beziehungen und Hörensagen, aber man muss sich ständig auf dem Laufenden halten wo and was Produktionen laufen. Und von vielen Projekten auf die ich angesprochen werde gibt es nur wenige die dann auch wirklich gedreht werden.

 

SFF) Haben sie eigentlich bestimmte Genres oder Filme die Sie überhaupt nicht mögen?

 

S.W.) Ja, ich habe gewisse Probleme mit deutschen Filmen oder TV-Produktionen, es gibt zum Glück manchmal überraschende Ausnahmen wie Babylon Berlin, Dark,  Systemsprenger oder Toni Erdmann. Aber ich habe z.B. immer wieder versucht mir mal einen Tatort anzuschauen und kann nicht verstehen, dass dieses Format noch so läuft, ich halte meistens nur ein paar Minuten durch.

 

SFF) Was benötigt man Ihrer Meinung nach denn für Eigenschaften und Fertigkeiten, abgesehen von Enthusiasmus und Liebe zum Job, um Ihren Beruf auszuführen? Welche besondere Ausbildung o.ä. sollte man, Ihrer Meinung nach, besitzen um im visuellen Bereich Bestand zu haben?

 

S.W.) Es gibt zum Glück heutzutage ein paar gute Film und Medienschulen die vernünftig und professionell verschiede Bereiche der Film und Fernsehproduktion angehen, ich kenne einige Leute meines Alters (Ende 50) die eher durch Zufall zu diesem Job gekommen sind. Aber man darf sich auch nichts vormachen, viele haben den Eindruck bei uns herrscht der Glamour und dass wir im Reichtum leben, nein, das ist harte Arbeit, sei es physisch oder menschlich und das ist nicht jeden Tag einfach. Aber es reicht aus um seine Miete zu bezahlen.

 

SFF) Denken Sie, dass Ihre Art des Filmschaffens genug gewürdigt wird? Ist das was Sie machen Kunst oder „nur“ ein weiterer technischer Aspekt von Filmen?

 

S.W.) Da ich in Frankreich aufgewachsen bin kenne ich beide Seiten, aber ich muss schon meiner Meinung nach sagen, dass wir hier in Deutschland zwar technisch sehr gut aufgestellt sind, aber es fehlt ein wenig der Stoff und der Mut um auch mal was wirklich Kreatives Neues zu produzieren, es kommt dann wie ich schon erwähnte dieser Fernsehstil rüber.

 

In Frankreich wird auch viel Mist gemacht, aber Film ist schon mehr als eine Kunstart als hier angesehen, auch in Zusammenhang mit unserer spezifischen Arbeit. Das habe ich besonders mit den Filmen von Wes Anderson gemerkt, er hat dort einen viel größeren Kultstatus als hier und das färbt sich dann auch auf meine Arbeit ab.

 

SFF) Sie haben für Dany Levys MEIN FÜHRER wieder zusammen mit Frank Schlegel gearbeitet und u.a. die Reichskanzlei im Maßstab 1:18 gebaut. Es gibt in den Film viele Close Ups dieser Kanzlei. Waren das die Modelle oder doch digital?

 

S.W.) Das war tatsächlich alles Modellbau, natürlich wurde später daran mit CGI daran nachgearbeitet, auch in Zusammenhang von echten Gebäuden aus Krampnitz.

 

SFF) Eine Frage stellt ich stets am Ende: Welches war den der mit Abstand schwerste Effekt an dem Sie gearbeitet haben und warum war das so?

 

S.W.) Ach, das war letztens ein Requisit für eine schreckliche amerikanische Produktion wo ich eigentlich keine Zeit hatte das vernünftig herzustellen, da sich bis zum letzten Augenblick Niemand entscheiden konnte wie das im Endeffekt aussehen soll. Und ich wollte eigentlich absagen, habe mich aber dann doch überreden lassen und in einer Nacht und Nebelaktion etwas Unbefriedigendes hergestellt und die Produktion vorgewarnt die mir beteuert hat das das schon ausreichen wird. Und dann kamen Beschwerden, weil das am Set natürlich nicht richtig funktioniert hat. Aber Schwamm drüber, man lernt immer wieder dazu!

 

SFF.) Lieber Herr Weisse. Ich bedanke mich für die Möglichkeit mit Ihnen sprechen zu können. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute.

 

S.W.) Vielen Dank für das Gespräch, ich bin immer erfreut, wenn man etwas über unsere seltenen und eigenen Tätigkeiten erklären kann.