Science Fiction Filme) Hallo Enrico. Ich danke dir, dass du Dir ein paar Minuten Zeit nimmst für ein paar Fragen. Als ich letztens ein Foto zeigte, welches für den Film INCEPTION (2010) von Christopher Nolan stammte, da hast du Dich gemeldet und hast ein paar interessante Infos darüber berichtet. Bevor wir zu weiteren Fragen kommen, könntest du uns bitte berichten, wie Du in die US-amerikanische Filmindustrie gekommen bist. Geboren wurdest du in Leipzig. Wie war Dein Werdegang bis hin zu New Deal Studios von Hunter/ Gratzner? Gab es Filme und/ oder Personen, die dich inspiriert haben diesen Weg einzuschlagen?

 

Enrico Altmann) Obwohl ich in Ostdeutschland aufwuchs hatte ich immer schon ein Interesse an Amerika. Das kam einerseits von meinen Verwandten im Westen, die in den 70ern und 80ern oft Urlaub in den USA gemacht hatten. Andererseits haben mich von klein auf amerikanische Serien und Filme stark beeinflusst. Ich war 9 als ich meinen Eltern erzählte, dass ich hierher auswandern will. Als Teenager brachte ich mir Englisch weitgehend selbst bei und kam durch Kontakte zur amerikanischen Botschaft auf der Leipziger Buchmesse schließlich zu Brieffreundschaften, durch die ich mein Englisch weiter verbesserte. Mein erstes Schlüsselerlebnis zur Filmbranche hatte ich 1977, als mein Vater mich zu einer Matineevorstellung zu SINBAD´S SIEBENTE REISE ins Kino nahm. Der Film war wieder im Kino vermutlich wegen des neuen Sindbad-Film von '77 (SINBAD UND DAS AUGE DES TIGERS). Ich war total von den Effekten fasziniert. Auch war das die Zeit von KRIEG DER STERNE, der zwar nie im Osten gezeigt wurde, dafür aber Bilder in jeder geschmuggelten Zeitschrift zu finden waren. Diese Photos hab ich dann ausgeschnitten und als Vorlage genutzt um davon Modelle aus Lego zu bauen.

 

Mit 13 sah ich ALIEN  im TV und danach wurde ein Making Off gezeigt. Da sah ich dann zum ersten Mal wie die Tricks gemacht wurden und wusste von dem Moment an, was ich später in den USA machen wollte. Obwohl das weit vor der Wende war hielt ich es nicht für unmöglich dahin zu kommen. Wenn nur erstmal der Wille da war. Ich muss dazu sagen, dass auch meine West-Verwandten in den 50ern geflüchtet waren und ich dadurch ermutigt wurde.

 

Nach der Wende flog ich 1992 zum ersten Mal in die USA zu einer Camping-Rundreise durch den Südwesten. Durch meinen Reiseleiter bekam ich Kontakt zu dieser Firma und folgte 1996, als ich gerade so das Mindestalter dafür hatte, zu ihnen in die USA. Die Firma besorgte das Visum und hatte ihren Sitz in LA. So dachte ich in meiner Naivität, dass Ich dadurch vielleicht Kontakt zum Film bekäme. Natürlich war ich die folgenden Jahre nur unterwegs als Reiseleiter in den USA und Kanada. 1998 kam dann der Zufall zu Hilfe. Ich hatte ein paar Abiturienten auf Tour deren Bekannte in Hollywood arbeitete und 2 Wochen zuvor gerade mit Roland Enmerich GODZILLA ins Kino gebracht hatte. Sie war seine persönliche Assistentin. Bei ihr blieben meine Klienten nach Ende unserer Tour noch eine Woche. Wie das Schicksal es wollte wurde meine nächste Tour umdisponiert, sodass ich ein paar Tage frei hatte. Da mein Geburtstag in diese Woche fiel lud ich alle zur Feier ein und sie brachten ihre Bekannte mit. Ihr erzählte ich dann, dass ich eigentlich eher zufällig in den Tourismus gekommen bin und eigentlich immer Modellbauer werden wollte. Da meinte sie, dass sie gerade mit einer coolen Firma an Godzilla gearbeitet hatten, die die Modelleffekte für Emmerich’s Film hergestellt hatte und gab mir die Kontakte für Hunter/Gratzner Industries wie New Deal Studios damals noch hießen. Dazu kam, dass ich im Frühjahr 1998 nach 5 Jahren die Greencard endlich gewonnen hatte. So kam langsam alles zusammen. Der Greencard Prozess zog sich aber noch bis Sommer 1999 in die Länge, sodass ich noch weiter als Tourguide arbeitete und erst ab Herbst 1999 nach Filmjobs suchen konnte.

 

 Im Winter 1999/2000 arbeitete ich als Limousinenfahrer und hatte zwischen den Chauffeur-Jobs Zeit mich bei Special Effects Firmen zu bewerben. Darunter auch bei Hunter/Gratzner. Die zeigten trotz meines fehlenden Schul- und Erfahrungshintergrunds Interesse und wollten mich kontaktieren sobald sie jemanden neuen brauchen würden. Es war mir allerdings trotz aller Anstrengungen in diesem Winter nicht gelungen einen Filmjob irgendwo zu erlangen. Mir fehlten einfach die Kontakte. So fuhr ich dann ab Frühjahr 2000 wieder Touren für die Europäer von LA nach New York und zurück. Im Juni bekam ich dann endlich eine Nachricht von Hunter/Gratzner für einen Job als Produktionsassistenten. Ich beendete meine Tour und fing dann Anfang Juli 2000 bei denen an. Die folgenden Jahre arbeitete ich mich dann hoch und bekam schließlich auch anderswo Modellbau-Jobs. Zwischen den Filmjobs arbeitete ich immer noch als Reiseleiter, was sich ganz gut machte, da beide Jobs zeitlich begrenzt sind.

 

Filme, die mich als Kind und Teenager inspirierten beim Film und an Modelleffekten zu arbeiten waren neben Alien, Harryhausen’s 3 Sindbad Filmen und Star Wars auch Unheimliche Begegnung der Dritten Art, Lawrence von Arabien, Capricorn One, Kampfstern Galactica (1978), Der Weiße Hai, Star Trek, Tron, 2001 Odyssee im Weltraum, Indiana Jones, Krull, Planet der Affen, Zurück in die Zukunft, Poltergeist, Erdbeben, Flammendes Inferno, Duell und einige andere.

 

SFF) In einem Video wird in Zeitraffer der Aufbau des Militärkrankenhauses aus INCEPTION (2010) gezeigt, an dem du mitgewirkt hast. Wie genau sah die Planung für diesen Aufbau aus? Welchen Maßstab hat man benutzt? Wie lang benötigte man für diesen Aufbau? Kannst Du uns ein paar Details zu den Materialien nennen?

 

E.A.) Also, die Planung für dieses Projekt wurde von Oscar-Preisträger Ian Hunter gemacht. Die Details später von Production Designer Forest Fischer und Scott Beverly, der die mechanischen Effekte ausarbeitete. Die Pyro Effekte kreierte John Cazin. Wir alle arbeiteten eng zusammen. Die Crew waren etwa 50 Leute und wir arbeiten daran von etwa Anfang Oktober 2009 bis Januar 2010. Der Aufbau und die Dreharbeiten fanden bei uns hinter dem Studio auf dem Parkplatz statt. Der Unterbau bestand aus mehreren Schiffscontainern durch die Löcher geschnitten wurden um die Konstruktion auf der das Gebäude saß während der Explosion einfahren zu können. Das heißt die hydraulische Konstruktion war im Inneren der Container verankert. Für den Schnee wurden etwa 500kg Salz für jede der beiden Takes verwendet. Das ganze Modell wog etwa 3 Tonnen.

Der Fels hatte einen Holz/Maschendraht Unterbau auf den Polyurethane Foam gespritzt wurde. Danach schnitzten wir die Felsoberfläche daraus, sprühten Gips darauf und bemalten sie.

 

Die  Gebäudeteile wurden einzeln gebaut, dann wurden Silikonformen davon erstellt, dann spritzten wir wieder Gips in die Silikonformen und danach Polyurethane. Dann wurden die Teile bemalt und auf der Rückseite an den vorgesehenen Bruchstellen präpariert. Anschließend wurden sie auf die Metallkonstruktion aufgehängt und die Sprengsätze gelegt.

Der Masstab war 1:6.

 

SFF) Das Tolle an Modellen ist ja, dass man sie nicht zwangsläufig erkennt. Du wurdest für den Film DER GUTE HIRTE (2006) für einen VES-Award (Visual Effect Society) nominiert. Was genau hast du da erschaffen?

 

E.A.) Ich leitete den Mold Shop an diesem Projekt und arbeitete an der Herstellung, dem Bau und der Set Dekoration der Nachkriegs-Berlin Szene. Dafür stellten wir ein größeres Modell vom ausgebombten Berlin her. Und dann ein paar Close-Up Modelle im größeren Maßstab.

 Science Fiction Filme) In deiner Vita fällt auf, dass Du häufig für die Regisseure Christopher Nolan und Martin Scorcese gearbeitet hast. Zwei Regisseure, die ihre Geschichten in wunderbarer weise visuell erzählen können. Trifft man sich häufig mit diesen Regisseuren und trifft eher das hierarchische Prinzip in der Filmwelt zu?

 

E.A.) Ja, es gibt im Filmgeschäft eine klare Hierarchie. Abgesehen von Ausnahmesituationen reden meist nur die Visual Effects Supervisor oder Bosse der Filmeffekt Firmen mit Regisseuren in meinem Bereich.

Der Grund, warum ich an mehreren Filmen von Nolan und Scorsese gearbeitet habe war, dass die Gründer von New Deal Studios Matthew Gratzner und Ian Hunter jeweils ein sogenanntes Account mit denen hatte. Also Ian hat die Modell Effekte für Nolan‘s Filme ausgearbeitet und beaufsichtigt. Und Gratzner für Scorsese‘s Filme.

 

In dem Geschäft basiert vieles auf persönlichen Beziehungen. Und wenn sich ein Supervisor künstlerisch gut mit dem Regisseur versteht dann ist es oft so, dass die Regisseure auch bei zukünftigen Filmen mit der Person zusammenarbeiten wollen. So entsteht dann eine längerfristige Verbindung. Das ist auch oft bei der Crew so. Bei New Deal gab es auch immer eine feste Mannschaft, die immer zuerst kontaktiert wurden. Einfach weil es bei dieser Arbeit wichtig ist, dass die Teams sich gut und auch künstlerisch verstehen müssen um effizient arbeiten zu können. Ein eingespieltes Team ist da viel Geld wert. So war auch ich überwiegend bei Hunter/Gratzner und später New Deal tätig von 2000-2010.

 

SFF) Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, was Miniaturen sind und was nicht. Manche sind riesig, manche eher klein. Man könnte fast behaupten, all das was nicht in Originalgröße gebaut wurde sind Miniaturen. Und was ist mit Modellen, die grö0ßer sind als das Original (z.B. bestimmte Ausstattungselemente in GATE – DIE UNTERIRDISCHEN (1987) oder in MÄUSEJAGD (1997). Wie definierst Du das?

 

E.A.) Beide bezeichnet man als scale model. Der Maßstab ist entscheidend. 1:6 scale model oder 6:1 scale model.

Meistens sind sie aber kleineren Maßstabs, weswegen man oft den Begriff miniature model verwendet.

 

 

SFF) Lieber Enrico. Ich danke dir für diese tollen Informationen und hoffe, dass Du weiterhin tätig sein wirst.