Kein BLADE RUNNER Thementag wäre vollkommen ohne über den weißbärtigen, langhaarigen Musiker Evangelos Odysseas Papathanassiou (*29.3.1943) zu reden. Der Grieche, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Vangelis“ ist einer der bekanntesten nicht-amerikanischen Filmkomponisten weltweit und einer der wenigen die es geschafft haben, sich ins allgemeine kulturelle Gedächtnis zu spielen, ohne Williams, Horner oder Zimmer zu heißen. Besonders faszinierend ist dies, da er nicht besonders viele Filme vertont hat...und doch war fast jeder ein Erfolg.

 

So erkennt fast jeder die Titelmelodien zu 1492 – CONQUEST OF PARADISE oder CHARIOTS OF FIRE, selbst wenn die Filme selbst nicht mehr so präsent sind. Wann immer jemand in Zeitlupe rennt oder episch einen Raum betritt, packen gewitzte Cutter diese Themen in die Tonspur (Henry Maske möchte hier seine Grüße da lassen).

 

Doch heute beschäftigt uns weder Christoph Columbus noch irgendwelche Siegerstunden, nein heute begeben wir uns in die dystopische CyperPunk-Welt von Philip K. Dick und Ridley Scott, das Los Angeles des Jahres 2019! Für so ein Setting kann natürlich nicht einfach die ausschweifenden Melodien eines Sinfonie-Orchesters verwenden, weswegen Scott sich an einen der Pioniere der elektronischen  Musik wandte: Vangelis.

 

Wer dessen Musik kennt, weiß, dass der Grieche lieber mit atmosphärischen Klangwelten arbeitet. Denkt einfach an diese „Entspannungs-CDs“ die einem vom nächstbesten Esoterik-Katalog hinterher geschmissen werden und stellt euch vor, jemand würde dasselbe machen...nur in gut!

Statt die Geschichte mit komplexen Themen mit zu erzählen, entschied sich Vangelis lieber dafür, die Stimmung des Films und seiner Welt zu unterstützen und so den Raum mit zu erschaffen, in dem die Geschichte erzählt wird.

 

Dies soll natürlich nicht heißen, dass Vangelis einfach nur ein paar Pads und Drones an seinem Synthesizer gebastelt hat und sich dann ein kühles Feierabendbier gegönnt hat. Denn auch wenn es keine typischen Themen oder Leitmotive gibt, so kann man doch ein paar kleine musikalische Ideen finden, die immer mal wieder in der Handlung des Films auftauchen, wobei hier hauptsächlich das „Love Theme“ zu nennen ist, gespielt auf einem nachträglich leicht verzerrtem Saxophon. Leider variiert Vangelis dieses Thema (oder überhaupt eines) nicht sonderlich, sondern verwendet einfach nur immer Schnipsel derselben Aufnahme an den gewünschten Stellen.

 

Das beliebteste Stück „Tears in Rain“, das eine der meist zitiertesten Szenen der Filmgeschichte untermalt, baut auf einer Melodie auf, die ihrerseits leider nie vorher im Verlauf des Films angespielt wird. Dies gehört aber in den prinzipiellen Arbeitsmodus Vangelis'. Er ist nun mal Solo-Musiker an erster Stelle und nur zweitrangig Filmkomponist. BLADE RUNNER funktioniert also viel mehr als „Konzept Album inspiriert von BLADE RUNNER“ statt als tatsächlicher „Film Score“. Sucht man Letzteres, ist man mit Wallfischs und Zimmers Werk zur Fortsetzung von 2017 besser bedient. Vangelis' Original ist aber deswegen nicht wertlos oder dergleichen, denn die Klangwelt die er erschafft, mag vielleicht keine kohärente Geschichte erzählen, aber dennoch wären so einige Schlüsselszene ohne die Veredelung Vangelis' sehr leblos und würden unfassbar an Wirkung verlieren.

 

Auch wenn die Eröffnungsszene uns ebenfalls eine musikalische Idee präsentiert, die dann für den Rest des Films fallen gelassen wird, so entfaltet sie ihre Kraft zu einem großen Teil durch die fremdartigen Klänge die sie begleiten. Wie Vangelis Klavier, Stimmen, Keyboard-Töne, Soundeffekte und synthetisches Schlagwerk miteinander vereint, ist schlicht und ergreifend meisterhaft. Er kopiert sich dabei auch nie selbst. So besteht CONQUEST OF PARADISE zwar größtenteils aus denselben Zutaten, eröffnet dem Zuhörer aber eine völlig andere Welt.

 

Ein letztes Problem von BLADE RUNNER sei aber noch zu erwähnen: Die CD-Veröffentlichungen.

 

Vangelis hat bei Filmarbeiten einen Hang dazu, seine Original-Aufnahmen für die Alben völlig zu missachten. Er arrangiert um, kombiniert Stücke aus verschiedenen Szenen und macht so das Soundtrack-Album zu einem separaten Werk. Das ist prinzipiell nicht problematisch, schließlich haben auch klassische Filmkomponisten ähnliche Gewohnheiten. John Williams beispielsweise kombiniert sehr gerne kurze Einzelstücken zu Suiten die den Hörfluss verschönern sollen. Dabei interessiert es ihn auch nicht, ob die eine Hälfte vom Anfang des Films und die andere vom Ende kommt. Vangelis ist aber ein sehr spezieller Fall. Bei seinen Alben ist es oft sehr schwierig, bestimmte Sequenzen, die einem im Film aufgefallen sind, zu finden und wenn man es schafft, sind sie oft neu eingespielt mit kleinen oder großen Veränderungen.

 

Somit gibt es von BLADE RUNNER so einige CDs, aber völlig zufriedenstellend ist keine so wirklich. Die bekannteste ist von Atlantic aus dem Jahr 1994 die vielleicht auch den besten Überblick gibt. Die wichtigsten Stücke sind enthalten und die Anordnung der Titel sorgt für ein atmosphärisches Hörerlebnis das einen in Scotts LA entführt. Lediglich die eingeschnittenen Dialog-Fetzen hätte man sich sparen können. Wem das nicht reicht, der kann sich das 3CD-Set von Universal (2007) zulegen. Die erste CD ist identisch mit der 94er während die zweite zwei, drei fehlende Tracks ergänzt und sonst mit alternativen Fassungen aufwartet. Die dritte CD ist eine kleine Kuriosität. Vangelis nutzte den Anlass dieses Sets dazu, komplett neue Musik aufzunehmen, inspiriert vom Film und mischte hierfür Dialog-Schnipsel von diversen Stars und Politikern ein. Eine nette Idee die bestimmt auch ihr Publikum hat, aber an sich hätte man hier besser noch ein paar Lücken der bisherigen Alben füllen können.

 

Zu guter Letzt gibt es eine Neuaufnahme von Edgar Rothermich, der es sich zur Aufgabe machte, die Musik wie sie im Film zu hören ist, so gut wie möglich zu imitieren und in vielen Tracks ist es schon fast hoffnungslos einen Unterschied zu der Original Tonspur zu finden, so gut ist es ihm gelungen. Mal abgesehen von diversen Bootlegs ist dies die zur Zeit beste Möglichkeit, an die „wirkliche“ Filmmusik von BLADE RUNNER zu kommen.

 

Text: Bernhard Heidkamp