Wann immer über Filme geredet wird, geht das Auge doch meist nach Amerika, zu Hollywood und Co.. Der deutsche Film wird dabei gerne mal außer Acht gelassen. Dies gilt somit auch für die Filmmusik. John Williams, James Horner, Jerry Goldsmith...alles bekannte Namen, alle nicht sonderlich deutschsprachig.

Die offensichtliche Ausnahme ist natürlich Hans Zimmer, den wohl jeder kennen sollte...aber der Frankfurter arbeitet ja auch fast ausschließlich in Hollywood und soll dann für den heutigen Thementag auch genau da bleiben.

 

Stattdessen rücken heute zwei Komponisten ins Blickfeld, die eher selten besprochen werden: Klaus Doldinger und Ralf Wengenmayr. Verbunden werden die beiden durch ihre Mitarbeit an Verfilmungen von Werken des Autors Michael Ende. So bescherte uns Doldinger in den 80ern einen herausragenden Score zur Adaption meines absoluten Lieblingsbuches DIE UNENDLICHE GESCHICHTE. Der urpsrüngliche Jazz-Musiker wartet hier mit einem elektronisch ergänzten Sinfonie-Orchester auf, das verschiedene Themen präsentiert, von denen am meisten das "Glücksdrachen"-Thema, das "Fantasien"-Ostinato sowie das "Auryn"-Thema hervorzuheben sind, die sich durch den gesamten Film ziehen. Ein geheimer Favorit ist aber auch ein Motiv, das ich gerne das "Verlust"- oder "Trauer"-Thema nenne. Gespielt auf einer Blockflöte ist diese Melodie nur in einer kleinen handvoll Szenen zu hören, aber sollte dennoch jedes Herz erweichen lassen können.

 

Über 30 Jahre später sollte dann auch JIM KNOPF&LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER auf die große Leinwand übertragen werden. Nach zwei sehr erfolgreichen TV-Adaptionen (eine mit Puppen und eine als 2D-Trickserie) ging es nun an eine Realverfilmung. Für die musikalische Untermalung wurde Ralf Wengenmayr angeheuert, der den meisten als Stammkomponist von Michael "Bully" Herbig etwas sagen sollte. Wengenmayr bediente sich des hochbeliebten "Lummerlandliedes", das von Hermann Amann für die Augsburgerkuppenkiste komponiert wurde. Die Melodie kommt nicht allzu häufig im Film vor, nutzt Wengenmayr es doch nicht als Hauptthema, sondern verbindet es stattdessen spezigisch mit der "Insel mit zwei Bergen" und lässt es daher nur am Anfang und am Ende des Filmes wirklich auftreten. Das tatsächliche Titelthema, das insbesondere den kleinen Jim selbst repräsentiert ist aber eng verwandt mit dem Lummerlandlied, so dass die Essenz des Originales nie verloren geht. Viele Nebenthemen gibt es leider nicht, lediglich die Prinzessin Li-Si bekommt ein überaus schönes Motiv, das zum Ende hin im Stück "Li Si und Jim" wundervoll mit Jims Thema kombiniert wird. Ein ganz großes Highlight ist aber das ganze Material für das (ehrlicherweise gefährlich stereotyp inszenierte) Land Mandala. Hier zeigt Wengenmayr sehr viel bisher verstecktes Talent.

 

Abseits von Michael Ende-Verfilmungen sollte man Doldinger und Wengenmayr aber trotzdem kennen. So gehört doch der TATORT schon fast zum deutschen Kulturgut...und was wäre der TATORT ohne Doldingers Titelmelodie? Was wäre DAS BOOT ohne die tragische, schwere Blechbläsermelodie die so ikonisch ist, dass selbst das Remake diese in ihr Marketing einarbeitete?

Gerade letzterer Soundtrack zeigt eine erfrischende andere Seite. Wo DIE UNENDLICHE GESCHICHTE pure Fantasy war, zeigt einem DAS BOOT die Düsternis des Krieges. Diese Musik macht nahezu depressiv und auch wenn die Synthesizer anachronistisch sind, sind sie doch unverzichtbart für eben diese klaustrophobische Atmosphäre.

Und wenn man mit Filmmusik nicht so viel anfangen kann, so sei euch seine Band "Passport" ans Herz gelegt, bei der (kleiner Funfact) Udo Lindenberg seine musikalischen Anfänge als Schlagzeuger machte!

Heute ist Doldinger im Filmbereich kaum mehr aktiv. Einige TV-Produktionen hat er komponiert, sowie viele Kurzfilmprojekte seines Sohnes, aber am erwähnenswertesten ist vermutlich der TATORT: BAUSÜNDEN für den der Berliner 2018 zur Marke zurückkehrte.

 

Wengenmayr hingegen ist viel gefragt. Der Großteil der Projekte sind jedoch Komödien oder ruhige Dramen bei denen die Musik sehr im Hintergrund steht. Es gibt aber zwei (offensichtliche) Soundtracks, die man behandeln muss.

 

Zuerst wäre da DER SCHUH DES MANITU, der an den deutschen Kinokassen extreme Wellen schlug.  Die Karl May-Parodie war ein riesiger Erfolg der Regisseur Herbig vom Fernsehen ins Kino katapultierte. Auch Wengenmayr verstand die Versatzstücke der aufs Korn genommenen Originale und schaffte einen Soundtrack, der von WINNETOU bis Sergio Leone alles abdeckt was das Wester-Genre hergibt. Das nächste Projekt von Herbig und Wengenmayr war dann die Parodie auf STAR WARS und STAR TREK. Die Komödie (T)RAUMSCHIFF SURPRISE: PERIODE I bot dem Komponisten ein weiteres Mal viel Spielraum um Genres durch den Kakao zu ziehen. Diesmal waren John Williams und Alexander Courage willkommene Zielscheiben.

 

Was diese beiden Soundtracks gemein haben ist Wengenmayrs Fähigkeit, Musikstücke zu schaffen, die unverkennbar auf altbekannte Werke anspielen, aber auch mühelos auf eigenen Beinen stehen können. Klar erinnert das SCHUH DES MANITU-Titelthema an die Filme mit Pierre Brice, doch ist es auch sein ganz eigener Ohrwurm. Mein Favorit ist aber vermutlich das Thema für den bösen Regulator aus (T)RAUMSCHIFF SURPRISE. Es nimmt sich offensichtlich das chor-lastige "Imperator"-Thema aus DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER zum Vorbild, ist aber so viel mehr als nur ein verballhornter Schatten der Vorlage.

 

Wem diese zwei Soundtracks zu großspurig oder komödiantisch sind, könnte vielleicht mit HOTEL LUX oder BALLON auf seine Kosten kommen. Ersterer zeigt sich angenehm "altmodisch", spielt der Film doch in den 30ern, während BALLON, trotz des Settings im Jahr 1979, eher modern, mit düsteren elektronischen Elementen die seichte, aber angenehme Klavier- und Streicherpassagen, sowie gelegentliche Choreinsätze begleiten.

 

 

Es bleibt also ein Plädoyer, sich für gute Filmmusik auch mal in der Heimat umzusehen...etwas, das ich mir selbst auch öfter zu Herzen nehmen sollte. Man weiß schließlich nie, was für Schätze man (wieder)entdecken kann! Annette Focks ist mit ihren Musiken für die unzähligen OSTWIND-Filme, OH, WIE SCHÖN IST PANAMA, DIE DREI ??? und DIE WILDEN HÜHNER auch nicht aus dem deutschen Film wegzudenken. Nur weil es sich hier um viele Kinderfilme handelt, sollte man deswegen nicht gleich die Musik verschmähen. Gute Musik kennt nämlich kein Alter!

 

Text: Bernhard Heidkamp